Vortrag: Sprache – Macht – Rassismus (Cluj-Napoca, Rumänien)

Zur narrativen Vermittlung kultureller Ausgrenzung in der Gegenwartsliteratur: Fatma Ayedemir

Fatma Aydemir behandelt in ihrem Roman Ellbogen (2017) Themen, die aktueller denn je sind: Migration und Postmigration. Im Rahmen der Tagung “dominanz.macht.sprache” sollen die rassistisch geprägten Muster kultureller Ausgrenzung mit der literarischen Sprache in Verbindung gebracht werden. Die Veranstaltung findet vom 04.–05. April 2019 in der Österreich-Bibliothek Cluj-Napoca statt.

Migrationsschwierigkeiten gehen häufig mit einer rassistisch stereotypen Denkweise einher. Neben der historischen Perspektive sind hierfür soziale Verhaltensmuster relevant, die durch den historischen Kontext geprägt werden. Nicht selten sind sie von sprachlichen Abwertungen begleitet. Solch eine Prägung ist auch in literarischen Werken erkennbar. Tendenzielle Mechanismen der Ausgrenzung sind nicht nur durch eine entsprechende Handlung präsent. Es ist anzunehmen, dass sie ebenso in der strukturellen Form des Erzählens – und somit der literarischen Sprache – auftreten. Die verbreitete Annahme, dass gegenseitige Ausgrenzung insbesondere auf dem sprachlichen Äußerungsakt beruht, lässt sich auf das literarische Erzählen übertragen. Interessant ist demnach nicht nur der inhaltliche Bezug, sondern der strukturelle Aufgriff im Erzählvorgang selbst. In der Gesellschaft treten durch Sprache vermehrt rassistische Effekte auf, ohne zwangsläufig intendiert zu sein. In der Literatur besteht die Möglichkeit, dass die Narration als Träger latenter Rassismen fungiert: Das Sprechen / Erzählen ist durch soziale Erfahrungswerte geprägt und soziale Ordnungsmuster bilden einen maßgeblichen Hintergrund rassistischer Tendenzen. Beginnend wird ein Überblick über die sprachlich orientierte Rassismus-Debatte gegeben, die zunehmend in die Romananalyse Aydemirs einfließt und die rassistisch geprägten Muster mit der literarischen Sprache in Verbindung bringt.

Textausschnitte für die Diskussion:

„Sie hatte eine Phase, in der sie es richtig ernst meinte mit dem Dazugehören zu uns, da hat sie auch kein Schweinefleisch gegessen, weil sie wie Gül, Ebru und ich sein wollte, obwohl ihre Mutter auf dieses Muslimding nicht so viel gibt.“ (E, S. 60)

„Gegenüber hängt ein großes Filmplakat in Schwarzweiß an der Wand, auf dem eine Frau in einem Brautkleid mit Vögeln tanzt. »Hasret – Sehnsucht. Istanbul. Stadt der Geister, Träume und der rettungslosen Liebe«, steht darüber. Ich kriege Gänsehaut, als ich es anschaue. In der Bahn starren alle Leute um uns herum auf ihre Handys, obwohl der Empfang in der U8 echt scheiße ist.“ (E, S. 57)

„[…] als würde einen die ganze Welt umarmen, richtig umarmen, fest und ehrlich, nicht so mit zwei Zentimetern Sicherheitsabstand wie die Deutschen.“ (E, S. 270ff.)

„Wir hatten Streitlust, wir hassten deutsche Studenten. Ist doch alles klar, ist doch in einem Satz, mit einem einzigen Wort zu beantworten: Lust. Oder Hass. Oder Migrationshintergrund, geil.“ (E, S. 181)

Literaturverweis

Die angeführten Zitate folgen der Ausgabe: Ayedemir, Fatma: Ellbogen. München: Hanser 2017.

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Autor: Elisa Garrett

Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Universität Bayreuth

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