Realistische Phantastik, geht das?

Massensterben in wunderbar-grotesker Ästhetik bei Jeremias Gotthelf

Jeremias Gotthelfs Novelle Die schwarze Spinne ist mit dem Entstehungsjahr um 1842 im Zeitalter des Realismus zu verorten.[1] Die Novelle veranschaulicht in Form der zweifachen Rahmenerzählung christliche und moralische Werte des Verhaltens. Das hat dem Werk rückwirkend vermehrten Ruhm eingebracht.[2] Die Handlung des äußeren Rahmens ist an einer zeitgenössischen Taufsituation im familiären Raum orientiert und kann somit im christlich-religiösen Kontext des 19. Jahrhunderts angesiedelt werden. Trotzdem funktioniert der Inhalt nicht gänzlich durch eine rein realistische Handlungsebene, sondern korreliert zusätzlich mit einer in der Realität unmöglichen Ereignissstruktur. Dies wird besonders in der Rahmen-/Binnenverschachtelung des Textes erkenntlich. Anhand zweier innerdiegetisch von der Figur des Großvaters erzählten Binnengeschichten wird der moralische Akt des Glaubens und der Ehrfurcht vor Gott auf groteske und irrationale Weise veranschaulicht. Die Novelle bedient sich dabei einer morbiden Ästhetik, die auf unmenschlichen und diabolischen Handlungselementen basiert. „Realistische Phantastik, geht das?“ weiterlesen

Novellen der Gegenwart

Kunst und Tod als motivische Verknüpfungselemente bei Hartmut Lange

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit Hartmut Langes Episodenroman Das Haus in der Dorotheenstraße aus dem Jahr 2013.[1] Anmerkung Das Buch unterteilt sich in fünf Novellen, die als einzelne Geschichten abgeschlossen sind. Trotzdem scheinen sie miteinander verbunden zu sein. Untersucht werden deswegen wiederkehrende Motive, die sich über die einzelnen Teile spannen und sie zu einem zusammenhängenden Gesamtwerk werden lassen. Beispielsweise stimmen in den fünf Novellen die Lokalitäten überein und befinden sich laut Klappentext des Buches in Berlin rund um den Teltowkanal. Dies ist aber nicht der einzige rote Faden, der sich durch die Novellen zieht. Zudem zeigt die Örtlichkeit wenig inhaltliche Relevanz für die Geschichten. Deswegen ist es interessant herauszufinden, welche Verbindungsglieder die Geschichten auch auf der Handlungsebene miteinander verknüpfen – zumal der Teltowkanal in den letzten beiden Novellen kein einziges Mal erwähnt wird. Die Lange-Forschung bietet bereits einige Analysen verschiedener Werke an, die sich jedoch eher auf die frühere Schaffensphase des Autors beziehen. „Novellen der Gegenwart“ weiterlesen

Machtpositionen bei Stefan Zweig

Zur Darstellung der Machtverhältnisse in der Phantastischen Nacht

„[…] alles, was ich tue und rede, ist unbewußt von ihm
bestimmt […]“[1]

Stefan Zweigs Novelle Phantastische Nacht aus der Klassischen Moderne beruht auf einem komplexen Machtgefüge. Der Protagonist Baron Friedrich Michael von R. wird von einem ekstatischen Zustand befallen, der eine Umkehr seines bisherigen Lebens und Handelns bewirkt. Er ist in dieser Nacht keine selbstbestimmende Figur mehr, sondern agiert geleitet von verschiedenen Faktoren. Dieser Beitrag lenkt den Blick in die Richtung des Weiblichkeits- und Rollenkonzeptes der verschiedenen Figuren. Die Darstellungen der Weiblichkeitstypen sollen hinsichtlich ihrer Funktion und Rollen für das Werk analysiert werden. Es wird gezeigt, ob und inwieweit das Konzept der Geschlechter – insbesondere das der Weiblichkeit – in negativer sowie in positiver Weise zum Machtverhältnis beiträgt. „Machtpositionen bei Stefan Zweig“ weiterlesen