Phantastische Sozialkritik

Ein Prozess der (Re-)Sozialisation: Marlen Haushofers Die Wand

Marlen Haushofers 1963 erschienener Roman stellt eine Art Tagebuchbericht dar.[1] Im Fokus steht eine namenlose Ich-Erzählerin, die ihr Leben schriftlich dokumentiert. Es handelt sich dabei um den Bericht über eine neu eingetretene Lebenssituation, die nicht dem Alltag entspricht. Der Schauplatz der Diegese findet sich dementsprechend abseits der normalen Realität. Der Wandel von vorheriger zu neuer Situation geschieht mit plötzlichem Auftauchen einer unsichtbaren Wand, die die Protagonistin von der realen Welt abgrenzt. Ihr Auftauchen wird im Fortlauf des Werks weder erklärt noch begründet.  Der Einschnitt der Wand markiert dabei das Aufspalten der diegetischen Welt in zwei ambivalent zueinander stehende Raumsituationen – doch auch wenn die Distanz zum realen Leben stetig zunimmt, wirkt das neue Leben fortlaufend wirklicher. „Phantastische Sozialkritik“ weiterlesen

Metafiktion – Tod durch Erzählen

Zur Erzählinstanz und Erzählerfigur in Peter Stamms Agnes

Peter Stamms Roman Agnes (1998) beschreibt die Liebesbeziehung zwischen den Figuren Agnes und einem namenlosen Ich-Erzähler, aus dessen Perspektive die Beziehung erzählt wird.[1] Der Roman beginnt mit einer Vorausschau auf das Ende, was gleichzeitig den Rückblick auf die bereits vergangene Partnerschaft der Figuren darstellt:

Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet. Nichts ist mir von ihr geblieben als diese Geschichte. (A, S. 9)

Der Erzähler bezieht sich mit dem Part diese[r] Geschichte auf eine metadiegetische Geschichte innerhalb des Romans. Dabei wird bereits die mehrfache Verschachtelungsstruktur des Romans deutlich: Der Erzähler erzählt rückwirkend die Geschichte der beiden Figuren, dessen Hauptbestandteil wiederum eine neu geschriebene Geschichte ist. Diese Geschichte lässt sich letztlich mit dem Roman Agnes selbst gleichsetzen und verkörpert die narrative Strategie der Metafiktion. Der Roman nimmt Bezug zu sich selbst.[2] Durch vermehrtes Auftreten von Metalepsen – also narrativen Sprüngen zwischen den Ebenen des Erzählers (discours) und dem Inhalt (story) – eröffnet sich eine komplexe und ineinander übergreifende Erzählstruktur verschiedener Perspektiven. Mit Genette gesprochen befindet sich der Leser zunächst in einer intradiegetischen Erzählung über die besagte Liebesbeziehung, dessen Hauptelement die neu geschriebene metadiegetische Geschichte darstellt.[3] „Metafiktion – Tod durch Erzählen“ weiterlesen

Novellen der Gegenwart

Kunst und Tod als motivische Verknüpfungselemente bei Hartmut Lange

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit Hartmut Langes Episodenroman Das Haus in der Dorotheenstraße aus dem Jahr 2013.[1] Anmerkung Das Buch unterteilt sich in fünf Novellen, die als einzelne Geschichten abgeschlossen sind. Trotzdem scheinen sie miteinander verbunden zu sein. Untersucht werden deswegen wiederkehrende Motive, die sich über die einzelnen Teile spannen und sie zu einem zusammenhängenden Gesamtwerk werden lassen. Beispielsweise stimmen in den fünf Novellen die Lokalitäten überein und befinden sich laut Klappentext des Buches in Berlin rund um den Teltowkanal. Dies ist aber nicht der einzige rote Faden, der sich durch die Novellen zieht. Zudem zeigt die Örtlichkeit wenig inhaltliche Relevanz für die Geschichten. Deswegen ist es interessant herauszufinden, welche Verbindungsglieder die Geschichten auch auf der Handlungsebene miteinander verknüpfen – zumal der Teltowkanal in den letzten beiden Novellen kein einziges Mal erwähnt wird. Die Lange-Forschung bietet bereits einige Analysen verschiedener Werke an, die sich jedoch eher auf die frühere Schaffensphase des Autors beziehen. „Novellen der Gegenwart“ weiterlesen

Anomie und Jugendliteratur

Soziologische Züge in Wolfgang Herrndorfs Comig-of-Age-Roman Tschick

In der Gesellschaft kommt es häufig zu Ungleichheiten. Durch Ungleichheiten ergeben sich wiederum Verhaltensformen, die von der erwarteten oder gesetzten Norm abweichen. Darunter gibt es zum einen abgeschwächte Formen, die niemandem schaden, aber auch drastische Formen, die sich jeder Norm und Richtlinie entziehen. Dadurch entsteht Chaos und Unordnung in der Gesellschaft. Zu den drastischen Äußerungen des Verhaltens fallen zum Beispiel illegale Aktivitäten oder rebellische Aktionen, die sich gegen die vorhandene Sozialstruktur auflehnen.  Mit solchen Verhaltensweisen, die in den Bereich der Anomie ausarten können, beschäftigt sich der Soziologe Robert King Merton in seinem Aufsatz Sozialstruktur und Anomie.[1] Das Thema lässt sich in der Gesellschaft oft erkennen. Besonders bei Jugendlichen kommt es häufig zu abweichenden Verhaltensweisen, die mitunter ausarten und gruppenbedingt sind. Die Verhaltensweisen von Jugendlichen sind dabei aber nicht immer nur sozialstrukturbedingt, sondern werden zudem durch „gemeinsame Situationen gegenseitig verstärkt“ (RM, S. 305). Einfluss haben somit auch andere Jugendliche. „Anomie und Jugendliteratur“ weiterlesen

Von Pixibuch bis Jugendroman

Zur Entwicklung der Bild- und Textkorrespondenz der Conni-Buchreihe

Der Buchmarkt der Kinder- und Jugendliteratur bietet viele Bücher, die für unterschiedliche Altersklassen geeignet sind. So gibt es zum Beispiel Bücher für Kleinkinder, Schulkinder, bis hin zu Jugendromanen und Erwachsenenbücher. Dieser Beitrag bezieht sich auf eine Buchreihe, die alle Stationen von Kleinkind- bis Jugendalter abdeckt. Angesprochen ist die Buchreihe Conni. Begonnen im Jahr 1992 mit Pixibüchern und weiterlaufend bis jetzt mit aktuellen Jugendromanen sprechen die Connibücher verschiedene Stationen im Leben des Kindes mit unterschiedlichem Altersbezug an.[1] In den Büchern werden vom Kindergartenkind bis zum 15-jährigen Teenager verschiedene Altersstufen der Protagonistin durchlaufen, sodass ein nachvollziehbarer, nahezu realistischer Alterungsprozess vorliegt. Mit der älter werdenden Conni steigt auch das Alter der Leseempfehlung an – die Bücher wenden sich mit ihren episodischen Geschichten an Kinder und Jugendliche, die einem jeweils ähnlichen Alter der Protagonistin entsprechen. „Von Pixibuch bis Jugendroman“ weiterlesen