PS: Die literarästhetische Großstadt Teil III (Paris)

12.12.2018: Divergente Tendenzen des urbanen Blicks (Georg Heym)

Mit einem Gemälde von Edouard Léon Cortès: Place St. Michel, Notre Dame, 1949. Nachdem das Seminar in der letzten Woche leider ausfallen musste, beginnen wir heute mit einem neuen Abschnitt. Wir verlassen den Berliner Stadtraum und schwenken rüber nach Paris. Hierfür betrachten wir zwei Gedichte von Georg Heym. Zunächst untersuchen wir das bekannte und bereits häufig untersuchte Gedicht Der Gott der Stadt (1910). Auch wenn es motivisch eine starke Nähe zu den Berliner Werken öffnet, wird keine konkrete Stadt benannt. Obwohl der Titel die Vermutung nahelegt, eine bestimmte Stadt zu behandeln, wird der sogenannte „Gott“ als herrschende Instanz über „[d]ie großen Städte“ beschrieben.

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knieen um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.

Zunächst unterhalten wir uns über die Erscheinung des Gottes in Form des Baal. Beschrieben wird weniger ein Gott, der die Stadt beschützt, sondern eher eine Instanz, die sie zerstört. Dies spitzt sich in der letzten Strophe zu. Zahlreiche Begriffe erinnern an eine Vision der Hölle und legen so eine apokalyptische Version des Untergangs nahe. Zudem ist das gesamte Gedicht stark religiös aufgeladen. Dies zeigt sich nicht nur in dem Begriff des Gottes, sondern schlägt sich auch in den Aspekten von Kirchenglocken, Weihrauch und Korybanten-Tänzen nieder.

Die Stellung der Religion

Das Gedicht konstruiert einen Stadtraum, der eine enge Verbindung zum kirchlichen Kontext aufbaut. Während die ersten beiden Strophen eher auf die Erscheinung der Stadt abzielen, verweist die dritte Strophe eher auf den religiösen Raum der Kirche. Der Besuch in der Stadt erscheint ähnlich wie der Besuch einer kirchlichen Zeremonie und Huldigung des beschriebenen Baals.

Mit dem starken Begriff der „Fleischerfaust“ in der letzten Strophe wird der Gott der Stadt durch eine enorm körperliche Form visualisiert und somit in die Nähe des Menschen gestellt. Im zweiten Gedicht wird ebenfalls der Gottbegriff aufgegriffen. Hier kommt er jedoch erst zum Ende zum Vorschein und ist nicht von Beginn an deutlich. Es scheinen zwei verschiedene Bilder vorzuliegen.

Das Stadtbild von Paris

Edouard Léon Cortès: Rue a des Capucine, La Madeleine (1882)

Bereits in Betracht der bildenden Kunst präsentiert sich Paris als Zentrum des Impressionismus gänzlich anders als das Berlin des Expressionismus. Dies ist nicht nur an die jeweiligen Strömungen gebunden, sondern ebenso an die jeweilige Wirkung des Stadtraums. Zunächst wird das 1911 verfasste Gedicht Sehnsucht nach Paris (hier in konkreter Benennung der Stadt) häufig in zwei Abschnitte unterteilt. Die ersten Strophen haben die Studierenden zu Hause vorbereitet:

Wenn durch den Abend Frankreichs, der der Weiße
Der Königslilien ihres Wappens gleicht,
Wie Honig süß, der Sonnentag, der heiße,
In honiggelbe Himmel ferne weicht,

Dann zittern von Montmartre viele Glocken,
Und grüßen ihn und seinen goldnen Glanz.
Doch auf Paris, der alten Schönen Locken,
Glühn rote Wolken wie ein Hochzeitskranz.

Halb März, halb Herbst, voll trauriger Essenzen,
Wer je den Wind in seine Lungen trank,
Wenn rot die Türme Notre Dames erglänzen,
Er ist nach dir vor wilder Sehnsucht krank.

Dein Taumelkelch, umwunden schwarz mit Rosen,
Nachtschattengift erschüttert ihm das Blut,
Und westwärts schaut er immer, wo ihn kosen
Die Winde Frankreichs mit verhaltner Glut.

Paris, Mutter der Kunst, und jeder Größe
Die wie der Sieg auf deiner Stirne schwebt
Und deiner altersgrauen Schläfe Blöße
In einen Wald von Lorbeer stolz begräbt,

Wo tief in deinem Schoß im Sarkophage
Vom Fittich seiner Adler überwacht,
Der Kaiser schläft, und leise Totenklage
Im Dome wandert durch die Mitternacht,

Wo wie ein Wald die alten Fahnen stehen,
Die durch Ägypten trug die Legion.
Sie rauschen manchmal noch, die Tücher wehen
Wie Küsse sanft um deinen toten Sohn.

Auffällig ist zunächst ein sehr positiver Grundton des Gedichts. Dieser ist durch eine ruhige Dynamik und helle Farbgebung unterstrichen. Auch der Begriff der Sehnsucht verweist auf ein positiv orientiertes Bild der Stadt. Das lyrische Ich befindet sich vermutlich außerhalb des Stadtraums, sodass das beschriebene Bild eher eine imaginierte Vision des Stadtraums darstellt.

Paris Tag und Nacht

Während im Gott der Stadt eine nächtliche Szene darbietet, handelt die Sehnsucht nach Paris von einer Tageszeitspanne bis zum Abend. Die Nacht hingegen wird nahezu ausgeblendet. Dies wird besonders dann deutlich, wenn man die zweite Hälfte des Gedichts hinzunimmt. Mit den folgenden Strophen öffnet sich ein starker Kontrast der beiden Teile, die es in einen gänzlich neuen Kontext versetzen. Die Studierenden bekommen die Strophen erst in der Sitzung ausgehändigt. So soll die unterschiedliche Wirkung der beiden Teile näher zum Ausdruck kommen:

Doch morgens brennt im Osten auf der Seine
Im Häusermeere wie im Sturm-Fanal
Im Mastenwald, im Meer der schwarzen Kähne
Die Sonne blutig, wie ein großer Gral

Vom roten Wein gefüllt bis an die Borde,
Vom Wein der Freiheit, der das Herz beschwört,
Und auf der weiten Place de la Concorde
Aus Dantons Mund der Städte Zorn empört.

O großer Tag, da rote Donner grollten
Auf deiner Stirn, und blutig, fett und feist,
Des Königs armes Haupt im Sande rollte,
– Großes Paris, das altert und verwaist,

Noch blühn im Sommer deine Boulevards
Mit Linden voll, und zittert noch im Licht
Das Elysée, wenn auf den Champ de Mars
Sich zwischen Wagen drängt die Menge dicht

Und Abend sinkt, wie Veilchen träumerisch,
Wie Veilchen welk. Der hohen Linden Duft
Weht von der Seine Ufern her, die frisch
Der Abendwind bewegt in lauer Luft.

Dann ziehn im Strom der bunten Boote viel
Am Park Vincennes vorbei, mit Immergrün
Den Mast umkränzt, und den gewundnen Kiel,
Wo, klein wie Sterne, rote Lampen glühn,

Aus niederen Spelunken schallt ein Lied,
Auf grauen Stirnen liegt der Lampe Licht
In kleinen Fenstern, die mit Laub umzieht
Ein Weinspalier, das sich im Wind verflicht.

Den Fluß hinab, durch Park und Sommergarten.
Korndampfer schaukeln in den Häfen breit,
Wo Dirnen stehn. Auf ihrem Munde warten
Die Küsse, kalt, voll herber Bitterkeit.

Doch über dir, Paris, und deiner Pracht,
Die im Verblühen noch die Brüste spreizt,
Weit über dir, und der erwachten Nacht,
Die mit Laternenschein die Straßen beizt,

Weit über deinem Haus der Invaliden,
Des schwarzes Totenmal vorüberzieht,
Glänzt wie das Bernsteintor der Hesperiden
Des Abendgottes goldnes Augenlid.

Mit Einsatz der ersten Strophe des zweiten Teils liegt eine klare Betonung des zeitlichen Prozesses vor. Behandelt wird nicht nur eine kurze Zeitspanne der Nacht oder des Abends, sondern eine übergreifende Zeitlinie über den nächsten Morgen hinweg. Dieser Prozess widerspricht zunächst dem imaginären Vorstellungsbild der Stadt und lässt das lyrische Ich innerhalb des beobachteten Stadtraums erscheinen.

Auffällig ist zudem, dass im zweiten Teil eine starke Anzahl negativ konnotierter Begriffe dominiert. So tauchen begriffliche Bezüge auf, die ähnlich anmuten wie das erste Gedicht der heutigen Sitzung. Die Visionen des Dunklen oder der ‚blutigen‘ Sonne sind hier nicht im Bereich der Nacht verortet, sondern kommen im Verlauf des Tages zum Vorschein. Dieser Kontrast ist besonders in der Erscheinung „schwarze[r] Kähne“ am Morgen zu erkennen, wohingegen zu Abend „bunt[e] Boote] auf der Seine unterwegs sind.

Religiosität in beiden Gedichten?

Auch in diesem Gedicht ist ein starker Hang zur Religion erkennen. Dies beginnt beispielsweise mit der Erscheinung der Sonne als Gral und dem späteren Aufgriff der Hesperiden als Nymphen der griechischen Mythologie und Verweis auf den Abendstern Hesperos. Der benannte ‚Abendgott‘ erscheint an dieser Stelle weniger als aktiv agierende Instanz, sondern präsentiert sich eher in seiner Funktion als Einleitung des Abends. Er ließe sich an das Bild der untergehenden Sonne anknüpfen.

Farbliche Tendenzen

Auffällig ist, dass das gesamte Gedicht von einer durchweg roten Farbgebung durchzogen ist.  So erscheinen die die Wolken, Gebäude, Umgebung und der Wein konkret mit Benennung der roten Farbe. Dies wird durch die zahlreichen Begriffe unterstützt, die selbst auf eine rote Farbgebung verweisen. So beispielsweise „Rosen“ (Strophe 4), die „blutige“ Sonne (Strophe 8), der Wein (Str. 9) und rote Lampen (Str. 13).

Das Licht scheint hierbei eine besondere Rolle zu spielen. Im Gegensatz zu den vorherigen Gedichten mit Bezug zum Berliner Stadtraum werden künstliche Lichtquellen (Lampen) mit der natürlichen Lichtquelle der Sonne verbunden. Diese Verbindung geschieht insbesondere durch die häufige Erscheinung des Roten als durchgehend strukturierendes Element des Gedichts.

Historische Bezüge

Generell lässt das Gedicht starke Verweise auf das historische Bild der Stadt erkennen. So bietet insbesondere der zweite Teil einen starken Bezug zur Französischen Revolution und die Köpfung Napoleons. Mit dieser Beobachtung ließe sich der Titelbegriff der Sehnsucht näher bestimmen:

Es handelt sich weniger um eine räumliche Sehnsucht. Vielmehr konstruiert das Gedicht den Effekt eines zeitlichen orientierten Sehnens in Bezug auf die Vergangenheit der Geschichte. So wird die Wirkung einer nostalgischen Vorstellung transportiert, die den Stadtraum wiederholt als ein imaginäres Vorstellungsbild erkennen lässt.

Intimität der Stadt

Mit Betonung der „Spelunken“ (Str. 14) vermittelt das Gedicht einen starken Effekt der Intimität. Das Stadtbild wird nicht in seinen vollen Zügen wahrgenommen, sondern in einzelne Bereiche aufgeteilt und erlebt. Das Intime spitzt sich insbesondere in der Wortkombination „noch die Brüste spreizt“ zu, die zunächst etwas merkwürdig scheint. Sie verweist konkret auf die weibliche Erscheinung der Stadt. Wir halten für uns fest: Paris impliziert eine andere Wirkung als die vorherigen Gedichte im Berliner Stadtraum.

Zwischenevaluation

Nachdem nun die Hälfte des Semesters vergangen ist, wollen wir gemeinsam die Stärken und Schwächen des Seminars besprechen. Als Dozentin bin ich positiv über die Rückmeldung der Studierenden überrascht. Der lockere Rahmen der Gespräche und Diskussionen führen zu einem konstruktiven Zuwachs an Wissen. Häufig bilden wir Rückschlüsse zu den untersuchten Werken der letzten Wochen und behalten so eine enge Verzahnung der Textbeispiele bei.

Nochmal offline lesen?

Autor: Elisa Garrett

Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Universität Bayreuth

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