Metafiktion – Tod durch Erzählen

Oskar Kokoschka: Mörder, Hoffnung der Frauen (1919)

Zur Erzählinstanz und Erzählerfigur in Peter Stamms Agnes

Peter Stamms Roman Agnes (1998) beschreibt die Liebesbeziehung zwischen den Figuren Agnes und einem namenlosen Ich-Erzähler, aus dessen Perspektive die Beziehung erzählt wird.[1] Der Roman beginnt mit einer Vorausschau auf das Ende, was gleichzeitig den Rückblick auf die bereits vergangene Partnerschaft der Figuren darstellt:

Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet. Nichts ist mir von ihr geblieben als diese Geschichte. (A, S. 9)

Der Erzähler bezieht sich mit dem Part diese[r] Geschichte auf eine metadiegetische Geschichte innerhalb des Romans. Dabei wird bereits die mehrfache Verschachtelungsstruktur des Romans deutlich: Der Erzähler erzählt rückwirkend die Geschichte der beiden Figuren, dessen Hauptbestandteil wiederum eine neu geschriebene Geschichte ist. Diese Geschichte lässt sich letztlich mit dem Roman Agnes selbst gleichsetzen und verkörpert die narrative Strategie der Metafiktion. Der Roman nimmt Bezug zu sich selbst.[2] Durch vermehrtes Auftreten von Metalepsen – also narrativen Sprüngen zwischen den Ebenen des Erzählers (discours) und dem Inhalt (story) – eröffnet sich eine komplexe und ineinander übergreifende Erzählstruktur verschiedener Perspektiven. Mit Genette gesprochen befindet sich der Leser zunächst in einer intradiegetischen Erzählung über die besagte Liebesbeziehung, dessen Hauptelement die neu geschriebene metadiegetische Geschichte darstellt.[3]

Erzählen in der Erzählung

Die metadiegetische Geschichte gilt als verantwortlich für den Tod Agnes. Die Beziehung der Figuren beginnt im gemeinsamen Aufenthaltsort einer Bibliothek. In dem Punkt wird bereits eine kulturelle Rahmung deutlich, die den innerdiegetischen Zusammenhang zum literarischen Kontext vermuten lässt (vgl. A, S. 22). Dies wird zusätzlich durch die Autorschaft des Ich-Erzählers unterstrichen:

Ich erzählte Agnes, daß Ich schreibe. Sie ignorierte es, stellte mir keine Fragen über meine Arbeit, und ich erwähnte nicht, daß ich Bücher veröffentlicht hatte. Eigentlich war ich froh über ihr Desinteresse. Ich bin nicht besonders stolz drauf, Sachbücher zu schreiben […]. (A, S. 20)

In der Textstelle wird die berufliche Tätigkeit der Erzählinstanz vom Erzähler selbst thematisiert. Es handelt sich hierbei also um eine Art Selbstreferenz. Auffallend ist, dass sich in der Textstelle ein Tempuswechsel erkennen lässt: Während zunächst in der Vergangenheitsform geschrieben wird, geschieht zum Ende eine Verschiebung in die Zeitform des Präsens. Dementsprechend liegt eine Veränderung der narrativen Perspektive des Erzählers sowie eine Veränderung der Erzählebenen vor. Gleichzeitig wird dabei der sprunghafte und metaleptische Wechsel zwischen der intradiegetischen und der diegetischen Geschichte markiert. Das Schreiben kann somit als mögliches Verbindungsglied der beiden Ebenen verstanden werden. Dem Schreiben werden jedoch auch andere Funktionen zugeschrieben:

»Vielleicht gibt es eine Art ewiges Leben« […]. »In irgendeiner Form leben wir alle nach unserem Tod weiter. […] in dem, was wir geschaffen haben.« »Schreibst du deshalb Bücher? Weil du keine Kinder hast?« »Ich will nicht ewig leben. Im Gegenteil. Ich möchte keine Spuren hinterlassen.« »Doch«, sagte Agnes. (A, S. 28)

Der Textausschnitt markiert das Schreiben von Büchern und Texten als eine Möglichkeit der Erinnerung an sich selbst und als eine Möglichkeit des Weiterlebens nach dem Sterben. Die Todesthematik spielt eine übergeordnete Rolle in dem Roman. Dies zeigt sich auch in der Äußerung Agnes: „»Ich habe Angst vor dem Tod.«“ beziehungsweise:

»Solange man leidet, lebt man doch wenigstens. Ich fürchte mich nicht vor dem Sterben. Ich habe Angst vor dem Tod – einfach, weil dann alles zu Ende ist.« (A, S. 28)

Mit dieser Äußerung eröffnet sich eine Verknüpfung zum vermeintlichen Tod der Figur. Der Tod lässt sich dabei aber nicht konkret identifizieren, sondern nur durch die Aussage der Erzählinstanz vermuten. Der Erzähler ist in der Hinsicht unzuverlässig und stellt den Leser vor ein offenes Romanende mit mehreren plausiblen Möglichkeiten, die das Verschwinden der Figur erklären könnten, obwohl die erste Zeile des Romans den Tod bereits feststellt. Auffallend ist zudem der Spiegelstrich in der nachgestellten wörtlichen Rede Agnes‘. Generell baut die Beziehung der Figuren auf einer vorwiegend dialogischen Erzählstruktur auf. Da es sich aber nicht um eine gegenwärtige Situation, sondern um eine nacherzählte Geschichte der Erzählinstanz handelt, wird die wörtliche Rede hier lediglich nachempfunden und entspricht somit weniger der realen Handlung. Während die wörtliche Rede eigentlich für ein aktuelles Geschehen oder die konkrete Wiedergabe eines bereits vergangenen Geschehens steht, handelt es sich hier eher um eine vom Erzähler gefälschte Wiedergabe eines vergangenen Ereignisses. Das Geschehen wird also nur aus der Erinnerung der Erzählerfigur wiedergegeben und entspricht nicht dem wörtlichen Charakter, die die wörtliche Rede zunächst suggeriert. Zudem wird die Figur Agnes durch das Interpunktionszeichen in ihrer Aussage bereits in ihrem textuellen Kontext verortet.[4] Vertiefung Der textuelle Kontext wird zunächst damit eingeleitet, dass Agnes selbst eine Geschichte schreibt, die die Erzählerfigur lesen soll. Die Reaktion ist jedoch erneut selbstreflexiv und weist dabei paradoxe Züge auf:

»Ich kann sie nicht beurteilen«, sagte ich, »ich will es nicht. Ich bin kein Schriftsteller.«“ (A, S. 41 ff.)

Die Figur nimmt hier konkrete Stellungsname ein, interpretiert sich selbst jedoch nicht als Schriftsteller. Dies steht im Gegensatz zur vorherigen Aussage, Bücher veröffentlich zu haben. Die Erzählerfigur bezieht sich dabei jedoch nicht auf Sachbücher, sondern auf fiktive Geschichten und markiert sich somit gleichzeitig als narrative Erzählinstanz:

»Ich habe es nie geschafft, meine Stoffe zu beherrschen. Es blieb immer alles künstlich. Ich habe mich an meinen eigenen Worten berauscht. Es war, wie wenn man singt und nicht mehr auf die Worte hört, sondern nur noch auf die Melodie […]« (A, S. 31)

Betrachtet man nun den Kontext der Figur als Autor der Liebesgeschichte zwischen ihm und Agnes selbst, lassen sich Parallelen erkennen. Es klingt ähnlich einer Selbstbeurteilung beziehungsweise ein Eingestehen, die Kontrolle über erzählte Geschichten zu verlieren. Auch das Schreiben innerhalb der intradiegetischen Geschichte wirkt ähnlich einer Art Rausch, erscheint jedoch nicht mehr als künstlich, sondern übt Einflussname auf die Figur selbst und dessen Umgebung – dem „Tod“ Agnes‘ – aus. Der innerdiegetische Beginn des metadiegetischen Schreibprozesses vollzieht sich aufgrund einer Art Aufforderung:

»Soll ich ein Gedicht über dich machen?« fragte ich. »kein Gedicht«, sagte Agnes, »eine Geschichte.« (A, S. 48ff.)

Vorherige Äußerung des Rauschzustandes kann dem hingegen als Vorwarnung seitens des Erzählers verstanden werden, der sich zudem auf Neuland begibt:

»Ich habe nie Geschichten über lebende Personen geschrieben«, sagte ich, »am Anfang bin ich vielleicht von jemanden ausgegangen, den ich kannte. Aber in der Geschichte selbst muß man frei sein. Alles andere ist Journalismus.« (A, S. 48ff.)

Doppelstruktur: Fiktion I und Fiktion II

Der Text nimmt direkt Bezug auf sich selbst und der funktionalen Auslegung der metadiegetischen Erzählung. Die Geschichte des Kennenlernens zwischen den beiden Figuren wird romanintern nochmals erzählt. Der Leser kennt das Geschehen bereits und erfährt den Kennlernprozess nochmals mit anderen Worten. Es ist ähnlich eines Rückblicks oder einer erneuten Zusammenfassung des Romanbeginns. Agnes‘ Figur wird dabei durch die Erinnerung der Erzählerfigur konstituiert, wodurch eine Fiktion in der Fiktion entsteht und zwei verschiedene Figurentypen von Agnes entstehen.[5] Anmerkung Ähnlich wie der Text selbst es als Journalismus beschreibt, kann die neu geschriebene Geschichte als „pseudodokumentarisch[e] Agnes-Geschichte des Protagonisten“ oder als „Erinnerungsbericht“ bezeichnet werden, bei der der Erzähler „ihr gleichsam in der fiktiven Geschichte hinterher [schreibt]“.[6] Vertiefung

 

Durch den Schreibbeginn vollzieht sich ein Handlungsbruch, der sich inhaltlich und textuell zeigt. Die Handlung beginnt mit der Erinnerungswiedergabe der Erzählerfigur: „»[…] und vorher möchte ich mir das Feuerwerk anschauen.«“ Und wird mit der Geschichte in der Geschichte fortgesetzt:

[…] Am Abend des dritten Juli gingen wir auf die Dachterrasse und schauten uns gemeinsam das Feuerwerk an. (A, S. 50)

In Verbindung mit vorangegangener Aussage, die an die beschriebene Handlung anknüpft, erscheint der Text ähnlich eines Tagebucheintrags. Spannend ist, dass das Ereignis zu dem Zeitpunkt jedoch noch gar nicht stattgefunden hat. Der Metatext funktioniert ähnlich einer Vorausschau, die die Handlungsebene in zwei Spalten aufteilt – der diegetischrealen (Fiktion I) und der fiktiven (Fiktion II). Die Nähe zwischen den beiden Spalten führt dabei zu Unübersichtlichkeit. Die Figuren beginnen sich von dem Geschriebenen leiten zu lassen und eine Trennung der beiden Stränge wird zunehmend undeutlicher. Dies geht einher mit der Aussage der Erzählerfigur/instanz: »ich habe keine Kontrolle darüber […]« (A, S. 49). Zunächst spinnt sich Fiktion II aus zwei Perspektiven zusammen, nämlich der Perspektive von Agnes und der Perspektive der Erzählerfigur:

Ich war erstaunt, wie vieles Agnes und ich anders erlebt oder anders in Erinnerung hatten. Oft konnten wir uns nicht darauf einigen, wie etwas genau gewesen war, und auch wenn ich mich mit meiner Version meistens durchsetzte, war ich mir nicht immer sicher, ob Agnes nicht vielleicht doch Recht hatte. (A, S. 55)

Der Textausschnitt markiert eine gewisse Unsicherheit in Bezug auf den Fortgang der Handlung. Zwei Perspektiven auf ein und dieselbe Geschichte eröffnen hier unterschiedliche Sichtweisen und Auslegung bereits geschehener Ereignisse. Überhand bekommt dabei die Erzählerfigur, was sie in dessen gleichzeitigen narratologischen Funktion als Erzählinstanz bestärkt und demnach eine Anspielung auf die metaleptische Struktur des Romans darstellt. Der Erzähler urteilt über das Erzählte. Die unterschiedlichen Ansichten können dabei als mögliche Fälschungen seitens der Erzählinstanz verstanden werden beziehungsweise auf ein unzuverlässiges Vorgehen hindeuten. Durch unterschiedlich wiederholtes Erzählen des Kennlernprozesses werden Unbestimmtheitsstellen deutlich, die den Leser an derer Korrektheit zweifeln lassen. Somit wird ebenso der Beginn des Romans in Frage gestellt – denn auch dort handelte es sich lediglich um die Gedanken- und/oder Erinnerungswiedergabe der Erzählerfigur. Werden diese jedoch nachträglich durch Fiktion II revidiert, ist es nicht mehr möglich konkret zwischen Fiktion I und Fiktion II zu unterscheiden. Die neue Geschichte nimmt somit eine Art Eigendynamik an, die die Erzählerfigur in einen rauschhaften Zustand versetzt und somit Bezug zur vorherigen Aussage: „Ich habe mich an meinen eigenen Worten berauscht“ nimmt (A, S. 31). Bereits dort ist die Erzählerfigur als Erzählinstanz mit Unzuverlässigkeit markiert. Dies spannt sich im Weiteren fort, indem in Fiktion II zuvor existierende Figuren ausgespart bleiben: „Herbert erwähnte ich nicht in der Geschichte.“ (A, S. 56). Da der Leser von der Existenz Herberts weiß, lässt sich hier noch ein Unterschied zwischen den beiden Fiktionen erkennen, der konkret benannt wird.

Das Geschehen von Fiktion II spielt sich zunächst in der Vergangenheit ab, wechselt dann aber temporär: „Mein Text war schon viel zu lang geworden, als ich spät im August endlich die Gegenwart erreicht.“ (A, S. 56). Der Text im Text wirkt hier ähnlich einer Zeitreise zwischen den verschiedenen Text- und Handlungsebenen des Romans. Mit Erreichen eines gleichen Zeitpunkts der eigentlichen Handlung Fiktion I und der neu erzählten Handlung Fiktion II prallen die beiden Ebenen aufeinander und vermischen sich zu einem komplexen Konstrukt. Dies lässt sich beispielsweise auch am daraus folgenden Verfremdungseffekt festmachen, denn Agnes „wirkte seltsam fremd“ (A, S. 56). Die temporäre Übereinstimmung oder gegenseitige Übernahme der beiden Textebenen lässt dabei eine deutliche wechselhafte Beeinflussung erkennen und erscheint dementsprechend als zunehmend miteinander verwoben:

Das ganze Gesicht schien mir fremd, unheimlich, und doch war mir als sähe ich es wirklicher als jemals zuvor, unmittelbar. Obwohl ich Agnes nicht berührte, hatte ich beängstigende und zugleich berauschend schöne Gefühl, sie wie eine zweite Haut einzuhüllen, ihren ganzen Körper auf einmal dicht an mir zu spüren. (A, S. 58)

Auch hier lässt sich eine erneute Anspielung auf das Rauschhafte der Textproduktion erkennen. Erzählerfigur und Agnes scheinen in Raum und Zeit miteinander zu verschmelzen, was durch das Aufeinanderprallen der beiden Gegenwartswelten geschieht. Es entsteht eine Art Abhängigkeitsverhältnis zwischen der diegetischen Fiktion I und der metadiegetischen Fiktion II. Während Fiktion I Einfluss auf Fiktion II ausübt, dient diese gleichzeitig einer Art Vorausschau auf die folgende Handlung in Fiktion I. Der Roman wird dementsprechend durch einen metadiegetischen Text gelenkt, der dieselbe Handlung ausführt wie der diegetische Rahmen selbst. Das Werk wird so metafiktiv und eigendynamisch durch sich selbst bestimmt und ergänzt:

»Du kommst im dunkelblauen Kleid«, sagte ich, »Wie meinst du das?« fragte sie erstaunt. »Ich habe die Gegenwart überholt«, sagte ich, »ich weiß schon, was geschehen wird.« (A, S. 62)

In dieser Textstelle sticht besonders der bestimmende Tonfall hervor. Die Erzählerfigur übernimmt hier den dominanten Part und vertritt somit gleichsam die narrative Funktion als Erzählinstanz. Dadurch zeichnet sich bei Agnes‘ Figur eine Art Prüfungssituation ab: »Erst will ich wissen, was ich zu tun habe«, sagte sie, »ich möchte keinen Fehler machen.« (A, S. 64). Während das metaleptische Eingreifen des Erzählers in die Handlung zunächst wie eine Art Spiel erscheint, übernimmt dieses zunehmend selbst agierende Funktion. Selbst die Interaktion der Figuren muss nicht mehr durch gemeinsames Reden erfolgen, sondern kann über Fiktion II geschehen. Fiktion II dient demnach als Vermittlungsmedium zwischen den beiden Figuren, die somit in einem ständigen Zusammenhang mit metaleptischen Ebenenverschiebungen stehen.

Wechselseitige Beeinflussung

Weiterhin scheint Fiktion II dadurch nicht mehr abhängig von Fiktion I zu sein, sondern umgekehrt, denn: »es muss etwas passieren, damit die Geschichte interessanter wird« (A, S. 67). Die Diegese aus Fiktion I wird hier nicht mehr an die metadiegetische Geschichte angepasst, sondern andersherum. Fiktion II wird demnach hierarchisch über die Figuren in Fiktion I gestellt und markiert diese so in ihrer textbasierenden Erscheinungsform als Romaninhalt und nicht als selbstagierende Akteure. Der Roman erzählt in der Hinsicht eine Geschichte über das Romanschreiben selbst. Zudem werden vermehrt intertextuelle Bezüge zu vorangegangenen Textstellen erkenntlich:

»Wie lange, glaubst du, dauert es, bis man keine Spuren mehr sieht?« fragte Agnes. »Ich weiß es nicht. Es wird alles überwuchert, aber darunter bleibt immer etwas. Scherben. Draht.« (A, S. 76)

Der Ausschnitt bezieht sich auf einen verwucherten Bahndamm, lässt jedoch Parallelen zur anfänglichen Aussage der Erzählerfigur vermuten, Schreiben sollte spurenlos verlaufen. Stellt man nun eine Verbindung zwischen den beiden Äußerungen her, lässt sich eine Revidierung der ersten annehmen. Spuren sind zwar nicht immer gewollt, bleiben aber immer. Die Gleichsetzung der Spuren mit Scherben und Draht könnte zudem als Hinausdeutung auf Agnes‘ möglichen Tod darstellen. Während die Scherben dabei die Zerbrochenheit der Beziehung markieren könnten, steht der Draht möglicherweise für das textuelle Gerüst des Romans selbst. Denn mit Bezugnahme der ersten Zeile: „Nichts von ihr ist geblieben als diese Geschichte“ stellt genau diese Geschichte, nämlich Fiktion II, die Spur des Schreibens an sich und somit auch die Spur Agnes‘ dar (A, S. 9).

Durch die Schwangerschaft Agnes‘ vollzieht sich ein Bruch in der Korrelation der Handlungs- und der fiktiven Textebene. Die Schwangerschaft suggeriert hier als unvorhersehbares Element Realitätscharakter von Fiktion I, weil sie in der neu erdachten Geschichte Fiktion II nicht vorhergesehen werden konnte (vgl.: A, S. 91). Dadurch ergibt sich ein erneuter Tempuswechsel zwischen den beiden Ebenen, indem die Gegenwart nun nicht mehr von der Textwelt überholt ist. Während sich jedoch die Geburt als Fehlgeburt herausstellt, kommt es in der Liebesgeschichte von Fiktion II zur fehlerfreien Geburt und somit dem imaginativen Aufwachsen des Kindes. Die Ebenen befinden sich dabei in einer Wechselspanne der temporären Perspektive und zeugen umso mehr Verwirrung und pathologische Züge, denn: „es ist eine Lüge, es ist krank“ (A, S. 119). Die Unterscheidung der beiden Ebenen fällt zunehmend schwerer, da sich die Handlungsebene und das imaginative Erzeugen einer ideellen Vorstellung immer mehr verstricken und es somit zu einer Unausweichlichkeit aus der durch das Schreiben verursachten Situation kommt:

Es war kein Traum. Ich lenkte meine Gedanken selbst. Alles, was ich mir vorstellte, wurde sofort lebendig. Es war, als ginge ich durch einen Hohlweg, den ich nicht verlassen konnte. Versuchte ich es dennoch, so spürte ich Widerstand, als sei ein fremder Wille da, eine Art elastische Fessel, die mich hinderte, wenn ich in die falsche Richtung ging. (A, S. 80ff.)

Anhand dieser Textstelle wird nicht nur eine Beeinflussung durch das Schreiben deutlich, sondern ebenso eine Lenkung, eine Art Zwang beziehungsweise Übermacht des Romans selbst. Der Erzählerfigur ist es hier nicht möglich, seiner Erzählung zu entweichen, was sich auch in der beschriebenen Angst beider Figuren widerspiegelt: »Was geschieht mit uns, wenn du fertig bist?« (A, S. 88). Wenn also Fiktion II ein Ende findet, scheint gleichzeitig ein Ende des Figurendaseins in Fiktion I stattzufinden. Die Verschmelzung der beiden Ebenen wird immer deutlicher. Ebenso lässt sich die Angst vor dem Geschichts-Schluss mit der zuvor benannten Angst vor dem Sterben vergleichen. Das Figurenverschwinden zum Ende des Romans zeigt sich zudem direkt durch das unbegründete Verschwinden von Agnes nach dem Lesen des Schlussdokuments (vgl.: A, S. 145). Während der Computerbildschirm in Fiktion I lediglich als die „Illusion eines Raumes“ beschrieben wird, scheint sich Agnes in Fiktion II in genau diesem Raum aufzulösen:

Es war ihr, als tauche sie in den Bildschirm ein, werde zu den Worten und Sätzen, die sie gelesen hatte. (A, S. 152)

Das Verschwinden zeigt sich gleichsam in Fiktion I, wodurch die Vermischung der Ebenen immer mehr als eine Übereinstimmung erkennbar wird. Die Figur von Agnes scheint dementsprechend nicht aus einer fiktiven Geschichte geboren worden zu sein, sondern wird gegen Ende des Romans eher in eine Geschichte hineingeschrieben. Es stellt sich die Frage, ob die Figur überhaupt existiert, oder durchgehend eine textuelle Illusion verkörpert.

Fazit

Die Erzählerfigur fungiert in dem Roman Agnes als Autor eines metadiegetischen Romans, der das Leben zwischen ihm und der Figur Agnes beschreibt. Die Geschichte von Fiktion II kann dementsprechend als der Roman selbst verstanden werden, der sich somit metafiktiv beschreibt und erzählt. Die Figur Agnes kann ebenso ähnlich des Romans verstanden werden – dafür würde beispielsweise sprechen, dass die Erstbegegnung im Rahmen einer Bibliothek stattfindet. Wenn Agnes‘ Figur und die metadiegetische Geschichte über Agnes innerhalb des Romans also für den Roman selbst stehen, handelt es sich nicht mehr um die Erzählung einer Liebesbeziehung, sondern um einen Roman über das Schreiben von Romanen. Ebenso kann dies als Erklärung dafür genommen werden, dass die Erzählerfigur durchweg namenlos bleibt. Die Erzählerfigur funktioniert diegetisch als Verkörperung eines Autoren, der die Rolle der Textproduktion ausführt und kein eigener Akteur sein muss; hier aber gleichzeitig die narrative Funktion der Erzählinstanz mit einbezieht. Der Roman behandelt dabei existenzielle Grundfragen über den Tod und die Identität von Personen und/oder Figuren, bei denen der Aspekt des Romanschreibens jedoch vordergrundiert bleibt. Unterschieden werden sollte dennoch zwischen der fiktiven Erzählerfigur als Figur und der narrativen Erzählinstanz als Funktion, die sich durch die Metalepsen und Perspektivwechsel jedoch in einem ständigen Wechselverhältnis befinden und somit den Roman als dreifach verschachteltes, metafiktives und autonomes (Kunst-)Werk erscheinen lassen.

Literaturverweis

[1] Stamm, Peter: Agnes. Erstveröffentlichung 1998, 10. Auflage. München: btb 2001. Im Folgenden wird für den Verweis auf das Werk die Sigle „A“ verwendet.

[2] Vgl.: Wolf, Werner: Metafiktion. In: Ansgar Nünning (Hrsg.): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Stuttgart: Metzler 2004, S. 172-174.

[3] Vgl.: Genette, Gérard: Die Erzählung. München: Fink 1994, S. 163.

[4] Der Roman liefert vermehrt Hinweise, die auf die Situation Agnes beziehbar sind. So zum Beispiel auch die intertextuelle Bezugnahme zum Werk Oskar Kokoschkas Mörder, Hoffnung der Frauen. In Anbetracht der Todesthematik lässt sich hier eine Verbindung zu Agnes‘ gedanklicher Auseinandersetzung mit dem Sterben sowie dem weiteren sterbeprozess-ähnlichen Verlauf der Figur erkennen (A, S. 39).

[5] Im Folgenden werden die beiden fiktionalen Ebenen als Fiktion I und Fiktion II bezeichnet.

[6] Schmid, Birgit: Die literarische Identität des Drehbuchs: untersucht am Fallbeispiel «Agnes» von Peter Stamm. Bern: Peter Lang 2004, S. 96/87/104. – Agnes wird dementsprechend nahezu neu geboren. Dabei lässt sich eine Parallele zum Schöpfungsgedanken ziehen. Ebenso gäbe es einen Rückbezug auf die Kindesthematik zu Beginn. Zudem bezieht sich der Zeitraum der Beziehung auf neun Monate, was eine mögliche Assoziation zu einer Schwangerschaft und somit einer symbolischen Neugeburt Agnes‘ hervorruft. (vgl.: Wimmer, Katrin: Angst vor dem Tod und Sehnsucht nach der Spur. Schnee, Schrift und Fotografie als paradoxe Erinnerungsstrategien in Peter Stamms Agnes, Ungefähre Landschaft und An einem Tag wie diesem. In: Andrea Bartl/Annika Klinge (Hrsg.): Transitkunst. Studien zur Literatur 1890-2010. Bamberg: University of Bamberg Press 2012, S. 301-328, hier: S. 317).

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Autor: Elisa Garrett

Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Universität Bayreuth

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