Der Iweinzyklus auf Burg Rodenegg

Haben Sie mal probiert, eine Geschichte wie im Mittelalter zu erzählen?

Die Wandmalereien des Iweinzyklus wurden im Jahr 1972 auf Burg Rodenegg entdeckt.[1] Sie stammen vermutlich aus dem frühen 13. Jahrhundert und zählen somit zu den frühesten profanen Fresken im deutschsprachigen Raum.[2]  Auf Burg Rodenegg befinden sich die Wandmalereien auf der Hauptburg in einem beinahe rechteckigen Raum.[3] Der Zyklus scheint sich dementsprechend dem Raum anzupassen, weswegen man höchstwahrscheinlich von originalen Kunstwerken ausgehen kann. Zudem stellt sich die Annahme auf, dass sich die Vorlage des damaligen Malers nicht großartig von der uns heute vorliegenden Ausgabe unterscheiden kann.[4] Der literarische Stoff Hartmanns von Aue dient dabei zum Anlass, die behandelten Themen als beispielhaft verbildlichte Muster darzustellen. Die Umsetzung der literarischen Vorgabe in ein anderes Medium funktioniert jedoch strukturell different.[5] Um die beiden Medien des Textes/Gesprochenem und des Bildes miteinander zu verknüpfen, soll in diesem Beitrag versucht werden, die Aufführungspraxis eines historischen Erzählers nachzustellen. „Der Iweinzyklus auf Burg Rodenegg“ weiterlesen

Sexappeal im Mittelalter

Prüdes Mittelalter? Von wegen!

Eine strukturalistische Raum- und Zeitanalyse des Turney von dem czers mit der Frage nach der Identität des zagels / Penis

er sprach: du ungiftige slange,
was hat dich hergehangen?
du bringest mich gar enwicht.
und hett ich dein ni(ch)t,
ich were frauwen der liebste man.
(Vers 155-159)[1]

Mit dieser skurrilen Textpassage aus Der turney von dem czers wird die groteske Darstellungsweise eines scheinbar lebendigen Penis eingeleitet. Der behandelte Gegenstand lässt sich nach Peter Strohschneider der schwankhaften Märendichtung zuordnen.[2] Im folgenden Beitrag soll das Werk mit Blick auf die literaturwissenschaftlich-strukturalistischen Theorie analysiert werden. Zentrale Untersuchungskategorien sind dabei die Raum- und Zeitdimension des Geschehens. Gesucht wird die Gliederung des Erzählablaufs in örtlicher und temporaler Hinsicht zur analytischen Herstellung von Sinnabschnitten. Weiterhin geht es um das Verhältnis der Erzählzeit und der erzählten Zeit in Verbindung mit dem Raum. Dabei werfen sich inhaltliche Fragen auf, für die im Folgenden plausible Lösungsansätze gesucht werden. Im Vordergrund steht die Frage nach der Identität des Penis. „Sexappeal im Mittelalter“ weiterlesen

Minnesang und Klagelied

Heinrich von Morungen – Mir ist geschehen als einem kindelîne

Klagen können wir noch heute, aber wie lief das im Mittelalter?

Dieser Beitrag befasst sich mit dem Minnelied Mir ist geschehen als einem kindelîne (MF 145,1)  Heinrichs von Morungen. Die Werke Heinrich von Morungens wurden bereits des Öfteren in der Forschung betrachtet. Dennoch bildet der bekannte Minnesänger des niederen Adels ein interessantes Gebiet. Seine Dichtung gilt als sehr variantenreich und formal ästhetisch gestaltet. Die Werke sind oft mit einer Vielzahl von metaphorischen Bildern versehen, weswegen er auch als Visualisierungs- und Sinnlichkeitsdichter bezeichnet wird. Trotz der ähnlichen Motive in der Ausarbeitung lassen sich bei ihm verschiedene Typen des Minneliedes finden. Während sich die Mörunger Ballade beispielsweise ein reines Frauenpreislied äußert, liegt im Tagelied die Verschmelzung zweier Gattungen von Tagelied[1] Ergänzung und Wechsel[2] Ergänzung vor. Eine weitere Spezies Morungens ist das Werk Mir ist geschehen als einem kindelîne. Im Folgenden soll das Lied unter dem Aspekt, welchem Typus es zugeschrieben werden kann, analysiert werden. Angerissen wird außerdem, inwieweit es mit dem Ablaufschema des festen Argumentationsverlaufes im Hohen Minnesang übereinstimmt. „Minnesang und Klagelied“ weiterlesen