Glossar

Zentrale literatur- und kulturwissenschaftliche Begriffe

A

Allegorie
Rhetorische Figur, bei der ein abstrakter Begriff verbildlicht, also konkretisiert wird.

Analepse
Nachträgliche Darstellung eines zuvor stattgefundenen Ereignisses.

Anapher
Rhetorische Figur, bei der ein oder mehrere Wörter am Anfang mindestens zweier Satzkonstruktionen stehen (Gegenstück zur Epipher).

Anomie
Von der Norm abweichendes soziales Verhalten, rückgehend auf Emil Durkheim und Robert Merton.

Anthropologie
Die Wissenschaft vom Menschen.

Anthropomorphisierung
Die Übertragung menschlicher Eigenschaften Unmenschliches.

Anthroposophie
Die Lehre zur Weisheit des Menschen/esoterische Weltanschauung, rückgehend auf Rudolf Steiner.

Assimilation
Angleichung eines Individuums an eine neue Umgebung oder Situation.

Ästhetik
Bezeichnung für die Lehre/Theorie des „Schönen“.

Asyndeton
Rhetorische Figur, bei der Wörter, Sätze oder Satzteile ohne Konjunktion aufgezählt werden (auch: asyndetische Reihung).

Auktoriales Erzählen
Die Erzählinstanz kommentiert die erzählte Geschichte selbst, rückgehend auf Jürgen Petersen.

Autodiegetisches Erzählen
Die Ich-Erzählinstanz ist gleichzeitig die Hauptfigur des Werks.

Autonomie
Fähigkeit eines Systems, sich selbst zu erhalten.

Autopoiesis
Der Bezug eines Textes zu sich selbst in seiner künstlerischen Form beziehungsweise die selbstständige Generierung von Literatur, rückgehend auf die Systemtheorie.

C

Coming-of-Age
Literarisches Genre, in dem das Heranwachsen eines Jugendlichen zum Erwachsenen thematisiert wird.

D

Diegese
Die erzählte Welt.

Differenzierung
Auseinanderdriften normalerweise zusammenhängender Bereiche. In Bezug stehend zur Ausdifferenzierung sozialer Systeme, rückgehend auf die Systemtheorie.

Discours
Sprachliche Anordnung des Geschehens im erzählten Text, die Frage danach, wie erzählt wird.

Diskurs
Historische Gesamtheit spezifischer Aussagen in einem thematischen Rahmen, die gemeinsamen Regeln folgen, rückgehend auf Michel Foucault.

E

Ellipse
Rhetorische Figur, bei der mindestens ein Satzglied in der Formulierung ausgelassen wird.

Erzählinstanz
Das Subjekt der Erzählrede, der Vermittler des Textes zwischen Autor und erzählter Geschichte.

Erzählperspektive
Blickwinkel, aus dem Ereignisse in unterschiedlicher Form erzählt werden.

Erzählte Zeit/Erzählzeit
Zeitspanne der Geschichte/Dauer der Zeit, in der die Geschichte erzählt wird.

Epipher
Rhetorische Figur, bei der ein oder mehrere Wörter am Ende mindestens zweier Satzkonstruktionen stehen (Gegenstück zur Anapher).

Extradiegese
Der Standpunkt abseits der erzählten Geschichte, während die erzählten Ereignisse intradiegetisch, also innerhalb der erzählten Geschichte, sind.

F

Falkentheorie
Element der Novellentheorie, der für jede Novelle ein jeweiliges (Leit-)Motiv prägnant setzt, rückgehend auf Paul Heyse.

Fiktionalität
Eigenschaft von Texten, die keinen Anspruch auf die empirische Welt erheben, aber mögliche oder vorstellbare Inhalte vermittelt.

Fokalisierung
Die Frage nach der Wahrnehmungsinstanz.

G

Gattung
Klassifikation verschiedener Textsorten.

Gender Studies
Wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Erforschung von Geschlechtereigenschaften beschäftigt.

Grenzüberschreitung
Die Überschreitung zweier semantischer Räume innerhalb der Literatur, rückgehend auf Juri M. Lotman. Kann ebenso auf die Grenze zwischen zwei Welten (Zum Beispiel Realität/Phantasiewelt) bezogen werden.

H

Herausgeberfiktion
Die Verwendung eines Vor- oder Nachworts, das jedoch keinen Paratext darstellt, sondern gleichsam fiktiv ist, wie das erzählte Werk selbst. Die Herausgeberfiktion gibt vor, außerhalb des diegetischen Textes zu stehen, gehört aber inhaltlich dazu.

Histoire
Die inhaltliche Handlung in der erzählten Welt, die Frage danach, was erzählt wird.

I

Intertextualität
Eigenschaft von Texten, die sich explizit oder implizit auf andere Texte beziehen. Literatur nimmt dabei auf sich selbst Bezug (Siehe: Autopoiesis)

Intradiegese
Der Standpunkt innerhalb der erzählten Geschichte, während der Akt des Erzählens selbst exradiegetisch, also außerhalb der erzählten Geschichte, ist.

Intradiegetische Erzählung
Binnenerzählung innerhalb der Erzählung einer Rahmengeschichte.

J

Jambus
Versmaß, bei dem auf eine unbetonte Silbe eine betonte folgt (x-).

Jugendliteratur
Fiktional-literarischer Bereich,  der sich besonders auf die Zielgruppe von Jugendlichen mittleren Alters ausrichtet.

K

Kapital
Soziologische Ressource, die dem Menschen zur Verfügung steht, nach Bourdieu unterteilt in soziales (auf Interaktion bezogenes), kulturelles (Bildung), ökonomisches (Materieller Besitz), und symbolisches Kapital (Chancen sozialer Anerkennung).

Katharsis
Das Durchleben von Affekten als Wirkungsprinzip (in) der Literatur, rückgehend auf Aristoteles.

L

Leitmotiv
Wiederkehrende Figur oder wiederkehrendes Symbol, dass sich durch den gesamten Text zieht.

Literatursoziologie
Die Übertragung des soziologischen Untersuchungsansatzes auf die Literatur beziehungsweise Literaturtheoretischer Ansatz, der sich auf die Soziologie bezieht (auch: Cultural Studies).

M

Magischer Realismus
Strömung, die Phantastisches unauffällig in den Alltag integriert.

Metadiegetische Erzählung
Erzählung einer Figur innerhalb der intradiegetischen Erzählung.

Metafiktion
Die Eigenschaft eines Textes, sich auf sein eigenes Format zu beziehen.

Metalepse
Ebenenverschiebungen in der Erzählstruktur zwischen Inhalt und Form/ Rahmenüberschneidung zwischen extra- und intradiegetischer Erzählvariante, rückgehend auf Gerard Genette.

Metapher
Tropus, bei dem ein Ausdruck durch einen anderen Vorstellungsbereich mit semantischen Ähnlichkeiten ersetzt wird.

Metrum
Das Versmaß eines Gedichts.

Mimesis
Nachahmung der Wirklichkeit durch die Kunst, hier: Literatur. Nach Walter Benjamin das Vorkommen „gelebter Ähnlichkeiten“, die auf Erfahrung basieren.

Motiv
Darstellung eines den literarischen Text umfassenden, inhaltlichen Elements.

N

Neutrales Erzählen
Die Erzählinstanz erzählt distanziert wie ein außenstehender Zuschauer, rückgehend auf Jürgen Petersen.

O

Onomatopoesie
Lautmalerei durch Text.

P

Paratext
Texte, die neben dem eigentlichen Texts des Inhalts bestehen, wie Vorwort, Nachwort etc. (Achtung! Dabei kann es sich auch um Herausgeberfiktion handeln). Zuständig für die Steuerung der Rezeption eines literarischen Textes, rückgehend auf Gerard Genette.

Personales Erzählen
Die Erzählinstanz beobachtet das erzählte Geschehen aus Sicht der Figur, rückgehend auf Jürgen Petersen.

Pleonasmus
Rhetorische Figur, bei der eine überflüssige/synonyme Bezeichnung dem Bezeichneten zuspielt (Beispiel: Weißer Schimmel).

Posthumanismu
Philosophische Denkweise, die die Überwindung des gegenwärtigen Menschen verfolgt.

Präsenter Erzähler
Erzählinstanz, die aus der diegetischen Welt hervorsticht und für den Leser erkennbar wird.

R

Raumsemantik
Die räumliche Organisation von Erzähltexten und deren Bedeutung, rückgehend auf Juri M. Lotman.

Realismus
Literaturepoche von 1848-1890, die besonders auf die wirklichkeitsgetreue Darstellung von Ereignissen abzielt, dabei aber nicht der Wahrheit entsprechen muss (!)

Rhetorische Figur
Sprachliche Schemata/Stilfiguren, die durch syntaktische Besonderheiten auffallen, dabei das Bildfeld im Gegensatz zu den Tropen aber nicht wechseln.

S

Semiotik
Theorie vom Zeichen, unterteilt in Semantik (Theorie der Bedeutung von Zeichen), Pragmatik (Theorie vom Gebrauch von Zeichen), Syntax (Theorie der Verknüpfung von Zeichen) und Sigmatik (Theorie vom Verhältnis zwischen Zeichen und Referent).

Signifikant/Signifikat
Die Unterscheidung zwischen sprachlichem Zeichen/inhaltlichem Aspekt (Bezeichnendes/Bezeichnetes), rückgehend auf Ferdinand de Saussure.

Soziales Feld
Gesamtheit gesellschaftlicher Handlungen innerhalb eines gesellschaftlichen Bereichs, Handlungsebene des sozialen Raums, rückgehend auf Pierre Bourdieu.

Sozialer Raum
Die Gesamtheit sozialer Strukturen innerhalb eines sozialen Feldes, rückgehend auf Pierre Bourdieu.

Soziales Handeln
Handeln, welches sich mit dem Verhalten anderer verbinden lässt, rückgehend auf Max Weber.

Sozialisation
Der gesellschaftliche Aneignungsprozess sozialer Werte.

Sozialstruktur
Die gegliederter Zusammensetzung gesellschaftlicher Werte, Normen und Handlungsmuster.

Strukturalismus
Die analytische Methode, Texte in Hinblick auf ihre formale Struktur zu untersuchen, rückgehend auf Ferdinand de Saussure.

Systemtheorie
Soziologische Theorie, nach deren Annahme die Gesellschaft aus autonomen Teilbereichen/Teilsystemen besteht, rückgehend auf Niklas Luhmann.

T

Topik/Topos
Bezeichnung eines konventionell bekannten Gemeinplatzes.

Trochäus
Versmaß, bei dem auf eine betonte Silbe eine unbetonte folgt (-x)

Tropen
Sprachliche Ausdrucksmittel der uneigentlichen Rede, bei denen im Gegensatz zur Rhetorischen Figur das Bildfeld gewechselt wird)

U

Unzuverlässiger Erzähler
Instanz der Figuren- oder Erzählerrede der erzählten Welt, die zweifelhaft aufzufassen ist.

V

Verfremdungseffekt
Veränderung oder Abweichung der Normalsprache oder allgemein bekannten Vorstellungsbildern.