Gegen den Verriss: meine Stimme für Takis Würgers »Stella«

Takis Würgers »Stella« – derzeit wohl der umstrittenste Roman im Literaturbetrieb.

Nachdem ich ihn in den letzten Tagen gelesen habe, fühle ich mich dazu verpflichtet, ihn zu verteidigen. Aufgrund der Vielzahl an negativen Kritikern glaube ich, dass ein Großteil der zustimmenden Masse nicht über die folgende Inhaltsangabe hinausgegangen ist:

Friedrich, ein stiller junger Mann, kommt vom Genfer See nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er Kristin. Sie nimmt Friedrich mit in die geheimen Jazzclubs. Sie trinkt Kognak mit ihm und gibt ihm seinen ersten Kuss.

Diese Zeilen passen zu einigen Äußerungen der Medien, der eigentliche Roman jedoch kaum. Ich beziehe mich hierbei insbesondere auf unbegründete (hasserfüllte und an Hetze grenzende) Kommentare in einigen Instagram-Posts und Twitter-Threads. Doch nicht nur hier wettert die Kritik. Von der Süddeutschen Zeitung wird der Roman als „Ein Ärgernis, eine Beleidigung, ein Vergehen“ bezeichnet, als „Gräuel im Kinderbuchstil“ auf ZEIT ONLINE. Somit sei er nicht nur politisch inkorrekt, sondern auch noch literarisch schlecht. Wirklich? Ich stimme für: Nein.

Neben zahlreichen Anspielungen auf andere Literaten (Bsp. Gerhard Hauptmann, Alfred Kubin, Vicky Baum) bietet »Stella« eine außergewöhnliche Erzählstruktur zwischen historischer Realität und Fiktion: Zunächst gliedert sich die Handlung entlang der „zehn Gebote für jeden Nationalsozialisten des Dr. Joseph Goebbels“ – obwohl die Abschnitte an konkrete Jahreszahlen gebunden sind, öffnen sie innerlich stark verwobene Zeitlinien. Trotzdem bleiben die Ebenen (Kindheit, Aufenthalt in Berlin, Stella vor und nach der ersten Verhaftung) eng miteinander verknüpft. Ob in Sätzen, Begriffen oder Motiven: indem der Text immer wieder Rückbezüge auf frühere Passagen herstellt, erschafft er einen eigenen Kosmos, der seinen Abschluss erst im Epilog (und somit außerhalb des fiktiven Bereichs) findet.

Textstellen, die meines Erachtens sehr wohl literarischen Wert vermitteln:

„Ich verstand, was er meinte und dass es leichter sein würde zu schweigen. Schweigen wurde meine Art zu weinen.“ (S. 18)

„Ich glaube, die Wahrheit ist nirgendwo so sehr in Gefahr wie im Krieg.“ (S. 32)

„Auf den dunklen Dielen sah ich Farbkleckser von den Versuchen anderer Menschen, in diesem Raum Wirklichkeiten einzufangen.“ (S. 39)

„In ihrem Gesicht lag eine Härte, die ich vorher nicht gesehen hatte. Ihre Haut fing das Licht nicht mehr ein.“ (S. 122)

„Ich war kein Deutscher, ich war nicht Tristan, und wenn das Stärke war, wollte ich nicht stark sein. Vielleicht ist es Schwäche, die dazu führt, dass wir anderen wehtun.“ (S. 194)

„Ich könnte sagen, am Ende meines Lebens will ich mein Glück nicht daran messen, wie sehr ich geliebt wurde, sondern daran, wie sehr ich geliebt habe. Ich könnte versuchen, sie zu vergessen. Das Leben formt uns zu Lügnern.“ (S. 208)

Meine persönliche Beurteilung

In meinen Augen ist dieser Roman alles andere als eine skandalöse Verherrlichung. Aus den Zeilen spricht Schmerz. Gerade der narrative Wechsel vom „sie“ zum „du“ auf den letzten Seiten und der Epilog über das verbleibende Leben der Figur und realen Person erzielen eine tiefe Wirkung.

Wir müssen uns darüber bewusst sein, dass es sich hierbei um einen Roman handelt. Nicht um eine sachliche Dokumentation der Ereignisse. Und es ist durchaus legitim, auch solch kritische Seiten der Geschichte literarisch zu verarbeiten. Das Ausufern der Debatte zeigt erneut, dass nicht jeder Leser die räumliche Grenze zwischen Textwelt und Realität erkennt.

Nochmal offline lesen?

Autor: Elisa Garrett

Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Universität Bayreuth

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