Protest und Kulturkritik (Universität Koblenz-Landau)

Kapitalismus und Katastrophe: Kulturkritik im literarischen Werk Jonas Lüschers.

Krisensituationen finanziellen Ursprungs sind weder seltenes noch neues Thema. Ebenso tauchen sie thematisch in literarischen Werken auf. Einem dieser Werke wird sich mein Vortrag im Rahmen des Forschungsateliers “Protest und Kulturkritik – Differenzen, Übergänge, Schnittstellen” widmen.  Die Veranstaltung findet vom 22. bis zum 26. Mai 2019 an der Universität Koblenz-Landau statt. Vorab möchte ich einen kleinen Einblick in das anstehende Projekt und den Untersuchungsgegenstand geben.

Die Soziologie beschäftigt sich schon früh mit der Bedeutung des Finanzsystems und dessen Auswirkung auf die soziale Ordnung. Hierbei ist insbesondere Georg Simmels Philosophie des Geldes (1900) zu nennen. Trotz des lang zurückliegenden Entstehungszeitraums lassen sich noch immer aktuelle Bezüge festmachen. Die Ansätze Simmels und thematisch ergänzende Theorien – wie beispielsweise Robert K. Mertons Auffassung der Sozialstruktur – sind sowohl in der realen Gesellschaft als auch in der Literatur wiederzufinden. Jonas Lüschers 2013 veröffentlichte Novelle Frühling der Barbaren beschreibt den fiktiven Zusammensturz der englischen Banken. Thematisch bewegt sich das Werk im Rahmen des gescheiterten Finanzsystems. Zur selben Zeit bereiten einige junge Londoner ein luxuriöses Hochzeitsfest in Tunesien vor.

Mit der plötzlichen Zahlungsunfähigkeit tritt eine finanzielle und übergreifend gesellschaftliche Katastrophe ein, die in verschiedenen Protestaktionen ausartet. Im Zentrum steht die zunehmende Zerstörung bestehender Sozialstrukturen, die das Werk ähnlich eines Gedankenexperiments literarisch vermittelt. Während das soziale Gefüge stark belastet wird, bricht die Gesellschaft zunehmend auseinander. „Barbarei“ – ein zentrales Element des Werktitels – zeigt sich nicht nur in Form des verschwenderischen Geldumgangs vor dem Krisenausbruch, sondern insbesondere im dystopisch anmutenden Krisenumgang der Eskalation. Darin zeichnen sich radikale Formen der Kulturkritik ab.

Die zivilisierte Gesellschaft und Verhaltensweisen der Barbarei scheinen nicht weit voneinander entfernt zu liegen und können schon durch kleine Einbrüche stark vermischt werden. Die Novelle unterstreicht die hohe Relevanz gesellschaftlicher Ordnung und finanzieller Sicherheit. Der Text unterstreicht dies durch mehrfache Vorausdeutungen. Das soziale Gefüge zeugt von permanenter Unsicherheit und bietet ein hohes Potenzial zur Gewaltbereitschaft. Im Fokus steht insbesondere der hohe Stellenwert des Geldes in einem kapitalistischen Gesellschaftssystem. Um die Novelle hinsichtlich ihres kulturellen Werts analytisch zu untersuchen, soll zunächst eine Darstellung der soziologischen Positionen zum Geldwesen folgen. Anschließend wird diese Grundlage mit der literarischen Darstellung Lüschers verbunden und interdisziplinär ergänzt.

Ein ausführlicher Bericht wird voraussichtlich nach der Veranstaltung folgen.

Nochmal offline lesen?

Autor: Elisa Garrett

Literatur- und Kulturwissenschaftlerin an der Universität Bayreuth

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.